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Die Achtundsechziger des Ostens

Als in der Nacht zum 21. August 1968 Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei einmarschierten, ging ein Traum zu Ende. Wer bis dahin noch geglaubt hatte, dass sich der Sozialismus reformieren lässt, wurde bitter enttäuscht. Ein Blick zurück 50 Jahre danach.

(Ausschnitt aus dem Film “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” mit Original-Filmaufnahmen aus Prag von 1968.)

Die Invasion beginnt mit einem Notruf. Drei sowjetische Transportflugzeuge fragen in den späten Abendstunden des 20. August 1968 am Prager Flughafen Ruzyne an, ob sie landen könnten. Ihr Treibstoff würde nicht mehr lange reichen, so die Piloten. Obwohl ihnen das verwehrt wird, gehen die Maschinen wenig später donnernd auf der Rollbahn nieder.

Aus ihren Bäuchen strömen sowjetische Fallschirmjäger, die in kürzester Zeit die Kontrolle über den Flughafen übernehmen. Zur gleichen Zeit marschieren auf dem Landweg Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein. Sie bereiten dem Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ aufzubauen, ein jähes Ende.

Doch wie konnte es soweit kommen? Um das zu verstehen, muss man die Hintergründe der Reformbewegung kennen. Die Spannungen zwischen reformfreudigen Intellektuellen und reformfeindlichen Funktionären bildeten gleichermaßen den Ausgangs- wie den Endpunkt für den „Prager Frühling“. Jerome Karabel, Soziologieprofessor an der amerikanischen Berkeley-Universität, bezeichnete den „Prager Frühling“ in einem Aufsatz daher treffend als „Revolte der Intellektuellen“.

Wie so oft in der Geschichte bildete eine Wirtschaftskrise den Katalysator für den Reformprozess. Die Wirtschaftskrise des Jahres 1963 ließ Stimmen laut werden, die sich für den Einsatz von marktwirtschaftlichen Methoden aussprachen; wenngleich in einer dem Sozialismus angepassten Form.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ota Šik setzte sich maßgeblich für diesen „dritten Weg“ ein. Genauso wie viele Künstler und Schriftsteller, wollte er den Sozialismus gerade nicht überwinden, sondern reformieren. Angesichts einer Kommunistischen Partei, die von einer stalinistischen Führungsspitze dominiert wurde, gestaltete sich jeder Wunsch nach Veränderung jedoch als schwieriges Unterfangen.

Wirtschaftskrise öffnet Fenster für Reformen

Nachdem die Tschechoslowakei auch im Vergleich mit den anderen Ostblockstaaten immer weiter zurückzufallen schien, öffnete sich das Fenster für Reformen. Eine kritische Öffentlichkeit hatte sich unter dem Druck der Verhältnisse herausgebildet. Insbesondere die Literaturzeitung „Literární noviny“ entwickelte sich zum Sprachrohr für den gesellschaftlichen Reformprozess.

Mit der Berufung von Alexander Dubček zum 1. Sekretär der Kommunistischen Partei ging die Tschechoslowakei einen großen Schritt in Richtung Meinungs- und Informationsfreiheit sowie der Reform des Wirtschaftssystems. Anders als zur gleichen Zeit in der DDR, wo jegliche Kreativität im sozialistischen Einheitsbrei zu ersticken drohte, hatte die Tschechoslowakei die Tore weit aufgestoßen für eine Demokratisierung des Sozialismus.

Ein Hauch von Freiheit wehte durch das Land. Während in Amerika und Westeuropa die Achtundsechzigerbewegung dafür kämpfte, ein System zu überwinden, welches Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenrechte garantierte, freuten sich die Menschen in der Tschechoslowakei über die neu gewonnene Freiheit. Zwischen den Achtundsechzigern des Westens und des Ostens lagen Welten.

Keine Solidarität der West-Achtundsechziger

In der Folge konnten sich die Achtundsechziger in der Bundesrepublik auch zu keinem Zeitpunkt ernsthaft für die Belange der Menschen in der Tschechoslowakei interessieren. Stattdessen stritt man sich darüber, ob man überhaupt gegen die gewaltsame Niederschlagung des „Prager Frühlings“ demonstriere solle, da dies womöglich den Klassenfeind gestärkt hätte. Eine aus heutiger Sicht völlig abstruse Diskussion.

Der hoffnungsvolle Ausbruch eines kleinen Landes aus den Fesseln einer unmenschlichen Gesellschaftsordnung war am Ende nicht erfolgreich. Der Traum eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ endete im August 1968 abrupt. Der „Vater der Reformen“, Alexander Dubček, wurde gemeinsam mit anderen hochrangigen Regierungsmitgliedern inhaftiert und nach Moskau gebracht. Der Wille der Bevölkerung war dagegen noch lange nicht gebrochen. Eine unbewaffnete Öffentlichkeit stellte sich den Panzern in den Weg. Ortstafeln und Straßenschilder wurden verdreht oder übermalt, um die Besatzer zu täuschen.

Jan Palach wird zum Märtyrer

Unter den Demonstranten befand sich auch der Student Jan Palach. Als er miterleben musste, wie der Widerstand scheiterte und sein Land davor stand, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, konnte er dies nicht ertragen. Er wollte die Menschen aufrütteln und ein Abgleiten in Lethargie und Resignation unter allen Umständen verhindern. Dazu wählte er ein drastisches Mittel. Am 16. Januar 1969 legte er am Prager Wenzelsplatz seinen Mantel und seine Aktentasche ab, übergoss sich mit Benzin und entzündete ein Streichholz. Jan Palach wurde zu einem Märtyrer für eine freie Tschechoslowakei.

Stephan Hönigschmid